Einleitung

In Zeiten eines stetig wachsenden Bedarfs an Pflegeleistungen stehen Gesundheitssysteme weltweit vor der Herausforderung, dem steigenden Personalbedarf gerecht zu werden. Mit einer zunehmenden Anzahl älterer Menschen und der daraus wachsenden Pflegebedürftigkeit unserer Bevölkerung wird der Mangel an qualifizierten Pflegekräften zunehmend spürbarer. Der demographische Wandel befeuert die Problematik von der einen Seite, auf der anderen Seite fehlt es an Nachwuchskräften. Die Babyboomer befinden sich kurz vor der Rente, sodass die bestehende Lücke aus Bedarf und Angebot größer und größer wird.

In deutschen Pflegeeinrichtungen ist die Personaldecke so dünn, dass Belegungsstopps aufgrund Unterschreitungen der Personaluntergrenzen verhängt werden müssen. Ausreichend qualifiziertes Personal zu rekrutieren, wird durch verschiedene Faktoren erschwert, darunter die begrenzten Möglichkeiten des Recruiting aus dem Ausland und die bisher nur bedingt erfolgreiche Umsetzung des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes (PeBeM).[1]

Engpässe in der Personalbesetzung führen folglich zu einer hohen Belastung der vorhandenen Pflegekräfte. In diesem Kontext gewinnen innovative Konzepte und Lösungsansätze in der Pflegepraxis an Bedeutung. Während bisher häufig Pflegeroboter im Fokus der Presse standen, rückt nun die Digitalisierung von Pflegeprozessen als Ganzes in den Vordergrund. Neue Technologien und digitale Ansätze können nicht nur die Effizienz der Pflege steigern, sondern auch die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbessern, den Pflegealltag erleichtern und die Qualität der Versorgung für pflegebedürftige Menschen erhöhen.

Viele Akteure fordern mehr Digitalisierung in der Pflege, aber die Kluft zwischen Wunschvorstellung und Realität ist noch riesig. Pflegedokumentationen auf Papier, sowie Dienst- und Tourenplanungen an Stecktafeln sind weiterhin gängige Praxis in vielen pflegerischen Einrichtungen.

Ausgangslage

Im Durchschnitt verfügen gerade einmal 63 % der stationären Pflegeeinrichtung über WLAN. In Berlin, Bayern, Thüringen und Schleswig-Holstein sind es gerade einmal knapp 30 %.[2] Hierbei geht es nicht nur um das WLAN für die Bewohner, sondern vor allem darum, bewohnernah und digital zu dokumentieren, wofür eine konstante WLAN-Verbindung vorausgesetzt wird.

Diese Beobachtungen ziehen sich bereits in die Ausbildungsstätten. Lediglich ein Drittel befragter Pflegeschulen in Deutschland haben ein Konzept für Medienbildung.[3]

Die Pflegetätigkeiten selbst ließen sich bereits durch eine Vielzahl an Angeboten wie Monitoring, Sensormatten oder Assistenzsysteme digitalisieren. Genutzt wird dies jedoch kaum von Einrichtungen. Nicht selten fehle es an der technischen Infrastruktur. Aber auch die Finanzierung ist ein Problem. Die Coronapandemie sowie das Tariftreuegesetz (GVWG) ließen finanzielle Rücklagen beachtlich schmelzen. Dies belegt auch unsere Umfrage im Zeitraum von Juni bis Juli 2023 unter 50 teilnehmenden Betreibern.[4] Die Pflegeeinrichtungen sehen sich mit vielfältigen Aufgaben konfrontiert, sodass die fortschreitende Digitalisierung in den Hintergrund rückt.

Entgegen der allgemeinen Vorstellung, dass digitale Pflege mit Robotern gleich zu setzen sei, liegt der Fokus vielmehr auf der Digitalisierung von Prozessen und sowie der Integration innovativer Technologien, um die Effizienz in der Pflege zu steigern und Mitarbeiter zu entlasten. Digitale Lösungen sollen Pflegekräfte unterstützen, administrative Aufgaben erleichtern und die Qualität der Pflege insgesamt verbessern. Die Digitalisierung ermöglicht eine effektivere Nutzung von Ressourcen und trägt dazu bei, den steigenden Anforderungen im Pflegebereich gerecht zu werden.[5] Aus diesem Grund empfehlen wir eine gezieltere Förderung über eine einmalige Pauschalzahlung hinaus. Ein weiterer Vorschlag für die Verbesserung der Versorgung ist die Anwendung digitaler Assistenzsysteme. Beispielsweise in Form von Sensormatten zur Erkennung des Bedarfs eines Inkontinenzmaterialwechsels oder Sensoren, die erkennen, ob eine sturzgefährdete Person das Bett oder den Raum verlässt. Der Gebrauch reduziert Kontrollgänge, Zeit wird frei, welche das Personal für wichtigere Pflegethemen nutzen kann. Allgemein werden Gefahren reduziert.

Seit 2019 wird ein einmaliger Digitalisierungszuschuss in Höhe von 12.000 Euro je Pflegeeinrichtung zur Bereitstellung der technischen Infrastruktur gewährt.[6] Diese Förderung wurde zwar bis 2030 verlängert, allerdings ist die Summe nur selten ausreichend, um eine sinnvolle Infrastruktur zu etablieren. Weiterhin bleiben nachfolgende Kosten für Wartung, fortlaufende Schulungen, technische Nachrüstungen, Updates und weitere Folgeaufwendungen unberücksichtigt. Fortlaufende Investitionen in Digitalisierung werden nicht über Punktwerte oder Pflegesätze refinanziert. Es liegt im Verantwortungsbereich der jeweiligen Bundesländer, solche Vorhaben gesondert zu fördern. So stellt beispielsweise Niedersachsen diese auf der Website www.foerderportal.de vor. Die Darstellung der Möglichkeiten sind unübersichtlich, eine Beantragung sehr komplex und zeitaufwendig.

Digitalisierungsstrategie

Im März 2023 veröffentlichte das Bundesministerium für Gesundheit ihre Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitswesen bis 2030. Sie richteten ein Kompetenzzentrum Digitalisierung und Pflege ein, welches die Etablierung der flächendeckenden Digitalisierung unterstützen soll.

Zahlreiche, sinnvolle Ziele wurden definiert, nachfolgend ein kurzer Überblick:[7]

  • Bis 2025 verfügen 80 % der gesetzlich Versicherten über eine elektronische Patientenaktie (ePA) haben, wiederum 80 % davon zudem über eine digitale Medikationsübersicht.
  • Bis Ende des Jahres 2026 werden mindestens 300 Forschungsvorhaben unter Nutzung von Daten aus dem Forschungsdatenzentrum durchgeführt beziehungsweise initiiert.
  • Das Angebot digitaler Anwendungen soll erweitert werden, indem DiGA und DiPA künftig auch telemedizinische Lösungen unter Einbeziehung von Ärzten abbilden dürfen.
  • Der Ausbau telemedizinischer Angebote soll schnellstmöglich vorangetrieben werden. 2026 sollen in 60 % der hausärztlich unterversorgten Regionen Patienten assistierte Telemedizinangebote in Apotheken und Gesundheitskiosken in Anspruch nehmen können.
  • Streichung des Fallzahllimits telemedizinischer Behandlungen. Zuvor war dieses auf 30 % begrenzt.

Die unter Gesundheitsminister Karl Lauterbach veröffentlichte Digitalisierungsstrategie ist eine mutige Ankündigung, wodurch das deutsche Gesundheitssystem jedoch in das aktuelle digitale Zeitalter geholt werden könnte. Es bleibt zu hoffen, dass die hochgesteckten Ziele für die kommenden Jahre erreicht werden können, denn dadurch würde das Gesundheitssystem deutlich an Attraktivität gewinnen.

Finanzierung der Digitalisierung

Eine weitere große Frage bleibt offen: Wie sollen die langfristigen Kosten der Digitalisierung nachhaltig finanziert werden?

Die Bereitstellung der finanziellen Ressourcen durch den Bund stellt eine einmalige sowie zeitlich begrenzte Maßnahme dar und kann der langfristigen Finanzierungsproblematik keine Abhilfe schaffen. Ganz im Gegenteil: Die gegenwärtigen finanziellen Herausforderungen erfahren durch die zusätzlichen Kosten der Digitalisierung eine verstärkte Belastung. Die Pflegebranche steht vor einem anspruchsvollen Dilemma, denn die angestrebten Digitalisierungsziele entfalten enorme Potenziale, welche sich in der Versorgungsqualität und -sicherheit als auch Verbesserung der Mitarbeiterzufriedenheit und -belastung widerspiegeln. Die Umstellung auf moderne Technologien erfordert Investitionen in Schulungen, Anpassungen der Infrastruktur und die laufende Wartung digitaler Systeme.

Angesichts der komplexen finanziellen Lage und der Notwendigkeit, eine nachhaltige Finanzierungsstrategie zu entwickeln, um die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen, bleibt eine entscheidende Frage: Wie können Pflegeeinrichtungen angesichts der prognostizierten Herausforderungen in den nächsten 25 Jahren, darunter der Mangel von über 100.000 Plätzen für schwerstpflegebedürftige Menschen und eine Vielzahl an fehlenden Pflegekräften, ihre Versorgung sicherstellen? Die Antwort liegt in der Suche nach innovativen Lösungen, die nicht nur Pflegekräfte entlasten, sondern auch die Pflegequalität nachhaltig verbessern und somit die wachsenden Anforderungen an die Infrastruktur bewältigen können. Die Politik muss hier schnellstmöglich handeln und die Digitalisierung in der Pflege und im Gesundheitswesen aktiv vorantreiben.

Über die Autorin

Kristina Schröder

Durch meine vorangegangene Tätigkeit als Geschäftsführerin eines sektorübergreifenden Pflegebetreibers und mehr als sieben Jahre Erfahrung im Pflegesektor verfüge ich über umfassende praktische Einblicke, die es mir ermöglichen, Entwicklungen im Pflegemarkt praxisnah und fundiert für Sie zu analysieren und einzuordnen.

Quellenverzeichnis

[1] Quellen: Sehner Unternehmensberatung GmbH (2023): Fachkräfte in Anerkennung – das Märchen der ausländischen Pflegekräfte, https://www.sehner-unternehmensberatung.de/fachkraefte-anerkennung-pflege/, zuletzt zugegriffen am 29.12.2023 sowie Sehner Unternehmensberatung GmbH (2023): PeBeM – Chaos vorprogrammiert, https://www.sehner-unternehmensberatung.de/pebem-chaos/, zuletzt zugegriffen am 08.01.2024.

[2] Quelle: pm pflegemarkt.com (2023): Internet in Pflegeheimen: Welches Bundesland hat die beste Versorgung?, https://www.pflegemarkt.com/2023/06/01/internet-pflegeheime-bundeslaender/, zuletzt zugegriffen am 29.12.2023.

[3] Quelle: dpa Rheinland-Pfalz/Saarland (2023): Schweitzer will „Digitalkultur in der Pflege anstoßen“, https://www.zeit.de/news/2023-05/04/schweitzer-plant-digitale-bildungsoffensive-in-der-pflege?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F, zuletzt zugegriffen am 27.12.2023.

[4] Quelle: pm pflegemarkt.com (2023): Insolvenzen, Einbruch der Neubauten, starker Anstieg der Sozialhilfe in der Pflege – Stimmen aus der Branche, https://www.pflegemarkt.com/2023/07/27/branchenstimmen-dramatische-situation-pflege/, zuletzt zugegriffen am 27.12.2023.

[5] Quelle: MEDIFOX DAN (2020): Mit einem Knopfdruck zum perfekten Tourenplan, https://www.medifoxdan.de/blog/mit-einem-knopfdruck-zum-perfekten-tourenplan/, zuletzt zugegriffen am 27.12.2023.

[6] Quelle: GKV-Spitzenverband (2023): Finanzierungs- und Fördervorhaben, https://www.gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung/finanzierung_und_foerderung/finanzierungs__und_foerdervorhaben.jsp, zuletzt zugegriffen am 27.12.2023.

[7] Quelle: Bundesministerium für Gesundheit (2023): GEMEINSAM DIGITAL, Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitswesen und die Pflege, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/user_upload/BMG_Broschuere_Digitalisierungsstrategie_bf.pdf, zuletzt zugegriffen am 27.12.2023.