
Einordnung & Ausgangslage
Der Fachkräftemangel in der Pflege ist kein temporäres Phänomen, sondern ein strukturelles Problem. Demografische Effekte, steigende Pflegebedarfe und begrenzte Ausbildungskapazitäten führen dazu, dass selbst ambitionierte Rekrutierungsstrategien die Personallücken nicht schließen können. Die Pflege steht damit vor einer unbequemen, aber notwendigen Erkenntnis: Der Mangel lässt sich nicht wegorganisieren – er muss produktiv abgefedert werden.
Wenn zusätzliche Fachkräfte nicht oder nur begrenzt gewonnen werden können, rückt zwangsläufig eine andere Stellschraube in den Fokus: Produktivität. Gemeint ist damit nicht Arbeitsverdichtung, sondern die gezielte Freisetzung von Arbeitszeit durch Entlastung von Tätigkeiten, die nicht zwingend pflegerische Kernkompetenz erfordern. Technik ist in diesem Kontext kein Ersatz für Pflegepersonal, sondern ein Hebel, um vorhandene Ressourcen sinnvoller einzusetzen.
Erkenntnisse aus der Pflegeforschung – Befunde von Prof. Dr. Heinz Rothgang
Die Arbeiten von Heinz Rothgang und seinem Team am SOCIUM der Universität Bremen liefern hierzu eine belastbare empirische Grundlage. Besonders relevant sind Studien zur Personalbemessung, zum realen Zeitaufwand in der Pflege sowie zu den Potenzialen technischer Unterstützung.
Im Rahmen der Entwicklung des neuen Personalbemessungsverfahrens (PeBeM) wurde detailliert analysiert, wie sich Pflegearbeitszeit tatsächlich zusammensetzt. Die Ergebnisse zeigen: Ein erheblicher Anteil der Arbeitszeit entfällt nicht auf direkte Pflege, sondern auf Dokumentation, Koordination und administrative Tätigkeiten.[1]
Ergänzend dazu kommen Rothgang und Wolf-Ostermann in einer systematischen Übersicht zu digitalen Technologien in der Pflege zu einem zentralen Befund:
Digitale Anwendungen können Zeit einsparen und Arbeitsprozesse vereinfachen, allerdings ist die Evidenzlage heterogen und stark abhängig von Anwendungskontext und Implementierung.[2]
Diese Einordnung deckt sich mit den Ergebnissen einer Meta-Analyse von Tobias Krick et al. Die Analyse pflegerelevanter Technologien kommt zu dem Ergebnis, dass bislang nur sehr unzureichende Evidenz zu wirksamen pflegerelevanten Outcomes vorliegt. Von belastbaren Nachweisen nachhaltiger Effektivität oder Effizienz könne bislang kaum gesprochen werden.[3]
Entscheidend ist jedoch die richtige Schlussfolgerung:
Die Autoren zeigen nicht ein Defizit an Forschungsideen auf, sondern ein Defizit an Umsetzungs- und Implementationsinnovationen. Es mangelt weniger an technischen Konzepten als an der systematischen Überführung in den Pflegealltag – inklusive Integration in Prozesse, Schulung der Mitarbeitenden und organisatorischer Verankerung.
Technik als produktiver Hebel – zwischen Insellösungen und Systemwirkung
In der Praxis zeigt sich genau dieses Problem: Viele digitale Anwendungen sind Insellösungen. Sie adressieren einzelne Teilprozesse, sind jedoch schlecht integriert, erzeugen neue Schnittstellen oder zusätzlichen Koordinationsaufwand. Der erhoffte Entlastungseffekt verpufft – nicht, weil die Technologie ungeeignet wäre, sondern weil sie nicht systemisch gedacht ist.
Aus den Studien lässt sich daher eine klare Schlussfolgerung ziehen:
Technik entfaltet ihren Nutzen nur dann, wenn sie konsequent an realen Arbeitsprozessen ansetzt, Medienbrüche reduziert und in bestehende Strukturen integriert wird.
Regulatorischer Ansatz und politische Diskussion
Vor diesem Hintergrund wird auf politischer Ebene zunehmend diskutiert, wie Technik systematisch zur Entlastung beitragen kann. In Expertenkreisen, auch im Austausch mit dem Bundesministerium für Gesundheit, wird ein Ansatz erörtert, der bislang ungewöhnlich klingt, aber sachlich konsequent ist:
Nicht abrufbare Personalmittel – also Budgetanteile, die aufgrund fehlender Fachkräfte nicht eingesetzt werden können – sollen anteilig für digitale Lösungen nutzbar gemacht werden, sofern diese nachweislich Arbeitszeit einsparen.
Aus fachlicher Sicht ist positiv zu bewerten, dass das BMG diesem Grundgedanken offen gegenübersteht. Der politische Wille, Technik nicht nur zuzulassen, sondern aktiv als Entlastungsinstrument zu verstehen, ist erkennbar.
Die Krux im Detail: Evidenzanforderungen und Innovationsrealität
Die zentrale Herausforderung liegt jedoch in der Ausgestaltung. Zwei Fragen stehen im Raum:
- Für welche Technologien darf dieses Geld verwendet werden?
- Welche Nachweise müssen erbracht werden, um die Mittelverwendung zu legitimieren?
Hier zeigt sich die Herausforderung: Die vorhandene Studienlage – wie etwa von Krick et al. beschrieben – ist noch lückenhaft. Gleichzeitig werden häufig hohe Evidenzanforderungen gestellt, die viele digitale Lösungen in frühen Entwicklungs- und Implementationsphasen nicht erfüllen können und weiterhin viel Zeit in Anspruch nehmen.
Eine Ausnahme bildet hier voize. Für diese sprachbasierte Dokumentationslösung liegen bereits belastbare Nachweise vor, dass der Dokumentationsaufwand messbar reduziert und Arbeitszeit freigesetzt wird. Der Effekt ist klar quantifizierbar und unmittelbar an den Pflegeprozess gekoppelt – ein entscheidender Unterschied zu vielen anderen Anwendungen.
Beispielrechnung voize[4]

Aktuelle Schieflage der Innovationsfinanzierung
Derzeit liegt die Finanzierungsfrage vollständig bei den Pflegeträgern. Sie investieren in Technik, tragen das Implementationsrisiko und müssen Effekte nachweisen, während Kostenträger und Kassen sich weitgehend zurückhalten. Fehlende Refinanzierung erschwert Innovation, vor allem für kleinere und mittlere Träger. Das Ergebnis ist paradox: Technik, die objektiv entlasten könnte, wird nicht eingesetzt, weil regulatorische Sicherheit fehlt.
Lösungsansatz: Pufferzeit statt Vorab-Überregulierung
Ein möglicher Ausweg ist die Einführung einer Pufferzeit. Gemeint ist ein klar definierter Zeitraum, in dem neue digitale Technik eingesetzt werden darf, ohne sofort einen vollständigen Effizienznachweis erbringen zu müssen.
Innerhalb dieses Zeitkorridors kann die Lösung im Pflegealltag erprobt werden. Der Nachweis der Zeit- und Effizienzgewinne erfolgt nachgelagert, auf Basis realer Betriebsdaten. So entsteht Spielraum für praktische Innovationen, genau dort, wo die Forschung derzeit Defizite erkennt.
Fazit
Der Fachkräftemangel in der Pflege wird bleiben. Technik allein wird ihn nicht lösen – aber ohne Technik wird er nicht beherrschbar sein. Die Forschung von Heinz Rothgang und die Meta-Analyse von Krick et al. zeigen klar, wo die realistischen Potenziale und Grenzen liegen: nicht im Ersatz von Pflege, sondern in der Freisetzung von Arbeitszeit durch intelligente, integrierte Lösungen.
Jetzt braucht es regulatorische Rahmenbedingungen, die diese Potenziale nutzbar machen. Weniger Vorab-Blockade, mehr kontrollierte Erprobung.
[1] Rothgang et al.: Entwicklung und Erprobung eines Personalbemessungsverfahrens für vollstationäre Pflegeeinrichtungen, Universität Bremen / SOCIUM, 2020–2023
[2] Wolf-Ostermann, K.; Rothgang, H.: Digitale Technologien in der Pflege – Was können sie leisten?, Bundesgesundheitsblatt, 2024
[3] Krick et al.: Digital technology and nursing care: a systematic review, International Journal of Nursing Studies, 2019
[4] Charité – Universitätsmedizin Berlin (2025): Evaluation eines Sprachassistenten zur Pflegedokumentation in Pflegeeinrichtungen. Prä-Post Time-Motion-Studie zur Erfassung von Zeitersparnis und Nutzerakzeptanz (DRKS00035512). Deutsches Register Klinischer Studien. Verfügbar unter: https://drks.de/search/de/trial/DRKS00035512
Über den Autor
Kristina Schröder
Durch meine vorangegangene Tätigkeit als Geschäftsführerin eines sektorübergreifenden Pflegebetreibers und mehr als sieben Jahre Erfahrung im Pflegesektor verfüge ich über umfassende praktische Einblicke, die es mir ermöglichen, Entwicklungen im Pflegemarkt praxisnah und fundiert für Sie zu analysieren und einzuordnen.